Prof. Martin Albert von der SRH Hochschule (v.l.), Pfarrer Uwe Sulger, Peter Hübinger (Diakonisches Werk), Regina Hertlein und Sigrid Kemptner (beide Caritasverband Mannheim)
100 Einwohner wurden interviewt. Die Ergebnisse haben Caritas und Diakonie, die Träger des Quartierbüros Rheinau, jetzt im Nachbarschaftshaus öffentlich vorgestellt.
Ein Drittel hat schon überlegt wegzuziehen
88 Prozent der Befragten leben gerne auf der Rheinau, aber ein Drittel hat sich schon mal überlegt wegzuziehen - ein relativ hoher Wert, den SRH-Professor Martin Albert, der die Umfrage begleitet und ausgewertet hat, als bedenklich einstuft. Besonders belastend finden viele Befragten die Verschmutzung (39 Prozent), gefolgt von schlechter Verkehrs- und Parksituation und schwierigem sozialen Miteinander (beides 15 Prozent). Allerdings nannten auch 17 Prozent das soziale Miteinander bei der Frage, was ihnen am Stadtteil gefällt. Ähnlich bei den Einkaufsmöglichkeiten: 30 Prozent sind damit zufrieden, 14 Prozent meinen, es gebe zu wenig Geschäfte und Gastronomie. 28 Prozent gaben an, ihnen gefalle die Infrastruktur, 22 Prozent schätzen die Nähe zum Wald.
Kein einheitliches Bild gab es bei den Fragen, welche Orte die Einwohner mögen oder meiden. Den höchsten Wert bei den Lieblingsorten bekam noch der Wald mit 20 Nennungen. Bei den unbeliebten Orten wurden am häufigsten der Karlsplatz und die Unterführung der Karlsruher Straße genannt, allerdings beides nur von je sieben Personen.
Sport- und Freizeitangebote fehlen
Die Angebote im Nachbarschaftshaus, der Kirchen, Sportvereine und des Quartierbüros wurden positiv bewertet. Nach Einschätzung der Bewohner fehlen im Stadtteil vor allem Sport- und Freizeitangebote (15 Prozent), Gastronomie - besonders häufig wurde ein Café gewünscht - und Angebote für Kinder (beides 11 Prozent). Bei der konkreten Frage, ob der Marktplatz anders genutzt werden sollte, antworteten 46 Prozent mit Ja, 38 Prozent mit Nein. Bei den Vorschlägen zur Gestaltung des Marktplatzes wurden kulturelle Veranstaltungen und Feste mit 16 Prozent am häufigsten genannt, gefolgt von mehr Sitzflächen (11 Prozent). Bei der Frage "Wenn Sie drei Wünsche für den Stadtteil frei hätten, was würden Sie hier verändern wollen?" nannten 41 Bewohner die Sauberkeit und 35 Prozent eine Verbesserung der sozialen und kulturellen Infrastruktur.
Die Kontakte zu den Nachbarn sind gut: 91 Prozent haben Kontakt zu Ihren Nachbarn, 78 Prozent sogar ein gutes bis freundschaftliches Verhältnis. Trotzdem wünschen sich 22 Prozent noch mehr Kontakt- und Begegnungsmöglichkeiten im Stadtteil.
Auf Basis der Ergebnisse gab Prof. Albert mehrere Handlungsempfehlungen, darunter die Neugestaltung des Marktplatzes als wichtiges, bewohnerübergreifendes Projekt. "Dies könnte einen wichtigen Beitrag zur Festigung der Wohnidentität leisten." Außerdem sieht er ein noch ungenutztes Potenzial von bürgerschaftlichem Engagement. Um dies zu aktivieren, regte er an, das Personal des Quartierbüros aufzustocken und neben den bestehenden Begleitgremien einen Runden Tisch einzurichten, damit sich die Akteure und Bewohner des Stadtteils besser austauschen können.
Im Anschluss an die Vorstellung der Ergebnisse gab es zahlreiche Wortmeldungen von anwesenden Bezirksbeiräten und Stadträten sowie engagierten Bewohnern, die die angesprochenen Problemlagen aus eigenem Erleben bestätigten. Dass Rheinau eine Mitte fehlt, darüber herrschte ebenfalls Einigkeit. Stadtrat Thorsten Riehle forderte, dass die Stadt Mannheim Geld für die Umgestaltung des Marktplatzes bereitstellt, denn "die Rheinau ist jetzt dran."
Kritik am Plan für zweites Quartiermanagement
Unverständnis herrschte über das Vorhaben der Stadt Mannheim, auf der Rheinau ein eigenes Quartiermanagement einzurichten. Mittel dafür wurden in den Haushalt eingestellt. "Wir sollten alle an einem Strang ziehen, stattdessen wird eine Konkurrenz untereinander aufgebaut", kritisierte Peter Hübinger, Direktor des Diakonischen Werks. "Der Bezirksbeirat teilt parteiübergreifend Ihre Meinung", stimmte CDU-Bezirksbeirat Wolfgang Göck zu. Für Caritas-Vorstandsvorsitzende Regina Hertlein zeigt die hohe Zufriedenheit der Bewohner, dass die bestehende Quartierarbeit auf einem guten Weg ist: "Wir haben in der langen Zeit, in der wir auf der Rheinau aktiv sind, erfolgreiche Arbeit geleistet. Auf dieser Struktur mit gewachsenen Beziehungen sollte man aufbauen - und keine Doppelstrukturen schaffen." Die beiden Wohlfahrtsverbände sind seit vielen Jahren mit verschiedenen Angeboten auf der Rheinau tätig. Dieses Engagement mündete 2011 in der Eröffnung des gemeinsamen Quartierbüros. Von Anfang an wurden dabei auch die Bewohner einbezogen - so fand bereits 2012 eine erste Bürgerversammlung statt.